DIE NEUE FLOW!

Ab sofort am Kiosk oder per Post zu dir nach Hause bestellen:
die neue Ausgabe von Flow mit dem Titelthema „Eintauchen ins
Feriengefühl – egal, wo und wann“ ist da.

Die neue Flow ist da und wartet ab heute am Kiosk auf dich. Das sind die Themen in diesem Heft:

// Ins Urlaubsgefühl eintauchen: Oft glauben wir, in die Ferne flüchten zu müssen, um uns zu erholen. Dabei haben wir uns selbst dort auch im Gepäck. Wie wir wirklich gut auftanken – jederzeit und überall

// Du bist mehr als dein Job: Es kann viel Druck erzeugen, wenn wir uns sehr über unseren Job definieren. Wie es gelingt, sich davon zu befreien

// Die Kraft der Kräuter: In der Antike galten Oxymels als bewährtes Heilgetränk. Nun werden die alkoholfreien Kräuterelixiere, die Körper und Geist guttun sollen, wiederentdeckt

// Neue Rollenbilder in Spanien: Unsere Autorin forschte nach, warum ihre Freundinnen in Spanien sich viel aktiver für Gleichberechtigung einsetzen als sie selbst

// Schöne Schummelei: Fauxsaics sehen aus wie echte Mosaike, werden aber digital erstellt. Was begeistert so viele an dem Kreativtrend?

// Zeit fürs Nichtstun: Wir sind ständig beschäftigt, viel zu oft abgelenkt, findet die Künstlerin und Schriftstellerin Jenny Odell. Was wir dadurch verpassen und wie wir das ändern können

// Eine Liebe in den Bergen: Hunderte Fotos halten über 30 Jahre die Beziehung eines Paares vor der imposanten Bergkulisse der Alpen fest. Wer waren die beiden?

// Ein Ort zum Wachsen: Debora Treep und ihr Mann Jan van Pelt machten eine einstige Baumschule zu einem wunderbar wilden und grünen Zufluchtsort

// Weniger urteilen: Wir haben heute zu jedem und allem eine Meinung. Unsere Autorin hat ausprobiert, eine unvoreingenommene Haltung zu üben

// Boris Bornemann verrät, was uns hilft, vom anstrengenden Perfektionismus wegzukommen

// Abschied nehmen: Wie wir um einen geliebten Menschen trauern und gleichzeitig entrümpeln können

// Papierextras: 4 Postkarten und DIY-Girlande

Die Coverillustration hat Künstlerin Rhi James gestaltet.
Wir wünschen dir viel Freude beim Lesen!

LESEPROBEN aus der neuen FLOW

FLOW Nummer 59

Ins Urlaubsgefühl eintauchen - egal wo und wann

Oft glauben wir, uns nur in der Ferne richtig erholen zu können. Dabei haben wir uns selbst dort auch immer dabei. Unsere Autorin hat herausgefunden, wie sie wirklich auftanken kann – jederzeit und überall

Ich weiß nicht, wie oft ich in den letz­ten Monaten meine Fotos auf dem Smartphone durchgescrollt habe nach Schnappschüssen aus zurückliegen­ den Urlauben. Fotos von türkisblauen Buchten, von verwinkelten mediterra­nen Gassen, blühenden Orangenbäu­men oder Sonnenuntergängen hinter Berggipfeln. Jedes Mal dachte ich, wie großartig es wäre, endlich wieder in den Zug oder ins Flugzeug zu steigen, irgendwo weit weg von zu Hause einen Berg zu besteigen, im Café zu sitzen, am Strand zu liegen und zu spüren, wie alles besser wird. Wie der Alltagsstress in der Sonne einfach ver­trocknet und wie eine Kruste abfällt. In der Ferne ist schließlich alles anders; es warten neue Eindrücke und neue Leute, die auch mich wieder zu einer entspannteren, unbekümmerteren Ver­sion meiner selbst machen.

Foto: Unsplash – Kevin Wolf

GLORREICHE FERNE

Solche Fluchtgedanken kenne ich schon aus den Zeiten vor der Pande­mie. Und wenn ich ehrlich bin, haben sich die mit ihnen verbundenen Hoff­nungen auch damals schon nicht erfüllt. Stattdessen habe ich schon mehrmals erlebt, dass all meine Sorgen, Gedankenschleifen und Ver­haltensmuster mit ins Reisegepäck gewandert waren. Zum Beispiel, als ich eine lang ersehnte und herbeige­sparte Rucksacktour durch Südame­rika machte. Erst war ich euphorisch, unternahm wunderbare, mehrtägige Gruppenwanderungen und verbrachte herrliche Nachmittage an Palmen­stränden, doch dann holten mich die Grübeleien von zu Hause ein, mein altes Ich sozusagen: Was die anderen wohl über mich dachten? Und wie sollte es eigentlich in naher Zukunft weitergehen für mich? Ich ärgerte mich und kehrte wenig erholt nach Hause zurück.

Bevor ich eine nächste Reise plane, will ich wissen: Wieso sitze ich eigent­lich immer wieder dem Trugschluss auf, ich könne mich selbst zurücklas­sen, wenn ich verreise? Ich frage Amy van den Broeck, die als Online-­Psy­chologin speziell Reisenden Hilfe anbietet. Da sie die meiste Zeit als digitale Nomadin unterwegs ist, kennt sie sich mit den Fallstricken aus, über die viele stolpern. Mit der Angst, dem Stress und Trübsinn, der sie genau wie zu Hause begleitet. Hinzu kommen noch Heimweh und Schwierigkeiten, unterwegs Kontakt zu anderen Rei­senden oder Einheimischen aufzuneh­men. Gefühle, die wir vielleicht gar nicht so gerne zugeben, weil wir sie in unserer kosmopolitischen und dauer­ reisefreudigen Welt als fehl am Platze empfinden. Als ich Amy van den Broeck von meiner Wunschvorstellung erzähle, mein altes Ich zu Hause las­sen zu können, wenn ich verreise, bestätigt sie mir sofort, dass für viele das Reisen eine Flucht darstellt. „Wir neigen dazu, fremde Länder zu glorifi­zieren, weil wir glauben, dorthin wür­den uns unsere Schwierigkeiten nicht folgen. Manchmal klappt es auch für eine Zeit, alles abzuschütteln, weil wir uns in den Urlaubsspaß stürzen. Doch nach einer Weile stellen wir fest, dass wir uns eben doch mitgenommen haben, und plötzlich sind alle Prob­leme wieder präsent.“

Weniger urteilen, freier sein

Wir fällen oft binnen Sekunden ein Urteil und bewerten andere aufgrund von Äußerlich­ keiten. Unsere Autorin fragt sich, wie wir eine wertfreie, unvorein­ genommene Haltung im Alltag üben können und was sich durch sie verändert

Ich hielt mich eigentlich für jemanden, der anderen weltoffen und tolerant begegnet. Doch als ich neulich in der Schlange vor dem Blumenladen stand und meinen Gedanken nachhing, erschrak ich plötzlich über mich selbst: Mir wurde bewusst, wie häufig ich urteile – über Menschen, Orte, Entscheidungen, Musikgeschmack, Erziehungsfragen, Lebensmodelle. Auch oder vielleicht gerade in diesen außergewöhnlichen Zeiten. Dort, zwischen wartenden Kunden, empörte ich mich in Gedanken über Leute, die keinen Abstand halten, und solche, die andere ermahnen, Abstand zu halten. Über Leute, die ihre Maske unter der Nase tragen, die Kollegin, die gerade ohne Gewissensbisse eine Flugreise gebucht hat, oder den Bekannten, der diese oder jene Partei wählt. 

Foto: Unsplash – Bruno Martins

Ohne dass ich es bemerkt habe, ließ ich mich in den vergangenen Monaten immer häufiger zu einem Urteil hinreißen – und das fiel meistens nicht gerade mild aus. Und auch in den sozialen Medien begegnet mir das permanente Bewerten überall: Jeder hat zu allem eine Meinung und schickt sie in Kommentarspalten, Nachrichten und Storys in die Welt.

Der Autor und Coach für Lebensphilosophie Leander Greitemann schreibt in seinem Buch Unfog Your Mind. Perspektivwechsel für mehr Lebenslust und LeichtSinn: „Unsere Welt ist voll von Likes und Dislikes, von Beurteilungen geprägt. Alles, was wir tun, wird – noch mehr als in der Prä-Internet-Ära – zur konstanten Bewertung durch andere freigegeben: ‚Was sagt ihr zu diesem Gedanken? Wie findet ihr mein Outfit heute? Wie gefällt euch mein Urlaub? Wie süß ist mein Dackel?‘ Dieses Phänomen war schon immer Teil unserer Denkstruktur, nur befinden wir uns heute auf einem völlig neuen Level des Vergleichens und Bewertens.“ Das Problem daran ist: Nicht nur von anderen bewertet zu werden bringe negative Gefühle mit sich. Indem wir ständig darüber nachdenken, wie wir die Posts anderer Leute finden, werde unser Gehirn auf Schubladendenken und Schönheitsideale programmiert, sagt Greitemann.

Dass wir die Freiheit haben, unsere Meinung auszudrücken und unseren Standpunkt öffentlich machen zu können, ist ein hohes Gut, ohne Zweifel. Doch ich frage mich: Sind wir in der Lage, ein gesundes Maß zu finden? Und welche Chancen tun sich auf, wenn wir nicht immer gleich eine Meinung parat haben, wenn wir die Welt um uns herum eine Zeit lang einfach nur beobachten?