DIE NEUE FLOW!

Ab sofort am Kiosk oder per Post zu dir nach Hause bestellen:
die neue Ausgabe von Flow  ist da.

Die neue Flow ist ab heute am Kiosk und in unserem Onlineshop zu haben. Das sind die Themen in dieser Ausgabe:

✨ Gut ist gut genug
Was tun wir nicht alles, um die beste Version unserer selbst zu werden. Und setzen uns damit nur unnötig unter Druck. Wie wir uns von übertriebenem Leistungsdruck befreien

✨ Vom Ende einer Freundschaft
Er ist ähnlich schmerzhaft wie das Scheitern einer Liebesbeziehung: Was uns bei Freundschaftskummer hilft

✨ Lebenslauf: Paolo Giordano
Er studierte Physik, doch seine Berufung ist das Schreiben. Hier erzählt der Schriftsteller von seinem Weg

✨ Niemand ist normal
Wir alle wollen dazugehören und streben danach, bestimmten Normen zu entsprechen. Woher das kommt und warum es sich lohnt, diese zu hinterfragen, erklärt Historikerin Sarah Chaney

✨ Porträt: Marina Abramovic
Für die Kunst geht sie an Grenzen, vor allem auch ihre eigenen. Ihre spektakulären Performances machten die Serbin zu einem Weltstar

✨ Salate zum Sattwerden
Sommerzeit ist Salatzeit. Die schwedische Köchin Ylva Bergqvist verrät Rezepte, die als Hauptmahlzeit taugen

✨ Aus Lebensgeschichten lernen
Wenn wir Memoiren lesen, tauchen wir ein in das Leben anderer. Buchkuratorin Corina Maduro erzählt, weshalb das so inspirierend ist – und gibt Lesetipps

✨ Hormone in Balance bringen
Sie können Körper und Gefühle ziemlich durcheinanderbringen. Wie Achtsamkeit bei Hormonchaos hilft, weiß Experte Boris Bornemann

✨ Minikurs: Geschlechtervielfalt
Was bedeutet Transgender, nicht binär und welche Rolle spielen Pronomen? Darüber sprechen wir mit Aktivist und Schauspieler Brix Schaumburg.

✂ Papierextras
Sommerpostkarten von Olivia Herrick und ein Malkurs von Illustratorin Jessica Smith.

Das Cover hat Arty Guava illustriert. Wir wünschen dir viel Freude beim Lesen und Entdecken!

LESEPROBEN aus der neuen FLOW

FLOW Nummer 82

Gut ist gut genug

Klüger, attraktiver, besser – was tun wir nicht alles, um die beste Version unserer selbst zu werden. Und setzen uns damit massiv unter Druck. Grete Simkuté hat sich gefragt, wie wir unnötigen Perfektionismus überwinden und zufriedener leben können

Schon von Kindesbeinen an war ich darauf aus, in allem gut zu sein und überdurchschnittliche Leistungen zu erbringen. Ich wollte die beste Zeichnung, die beste Note, den besten Abschluss. Das war mitunter sehr anstrengend und stressig, trotzdem habe ich diesen Ehrgeiz nicht weiter hinterfragt. Ich glaubte, er sei ganz einfach ein Teil von mir und so wenig veränderbar wie meine Größe oder Augenfarbe. Dann zog ich vor vier Jahren nach Amsterdam und plötzlich nahm der Leistungsdruck in mir noch um einige Grade zu. Ich fand alle Gleichaltrigen dort fast ausnahmslos wahnsinnig attraktiv, erfolgreich und energiegeladen. Da ich nicht hinten anstehen wollte, arbeitete ich sieben Tage die Woche als freiberufliche Werbetexterin, schrieb abends an meinem Debütroman und trieb zwischendurch Sport bis zum Umfallen. Natürlich ging das nicht lange gut. Nach knapp einem Jahr fühlte ich mich chronisch er-schöpft und brauchte eine Therapie, weil ich keine Lebensfreude mehr empfand. Zum ersten Mal fragte ich mich: Ist es das wert?

ZU VIEL AUF EINMAL
Sicher bin ich nicht die Einzige, die sich mit Leistungsdruck und den negativen Konsequenzen herumschlägt. Leider. Beweist doch eine Studie nach der anderen, dass zu hohe Erwartungen von außen, aber eben auch an sich selbst, zu Angststörungen und Depressionen führen können. Etwas, das ich vermehrt in meinem Umfeld beobachte. Immer mehr Freund:innen, Kolleg:innen, Bekannte müssen sich wegen eines Burn-outs oder anderer Folgen von chronischem Stress krankmelden. Forschende führen diese stetige Zunahme an psychischen Erkrankungen auf unsere Gesellschaft zurück, die sich zunehmend komplexer gestaltet, in der hohe Anforderungen gestellt und großer Wert auf Eigenverantwortung und Leistung gelegt wird.

Foto: Shutterstock

In Deutschland versucht das Bundesministerium für Gesundheit seit vier Jahren, mit der „Offensive Psychische Gesundheit“ darauf zu reagieren und einen offeneren Umgang mit mentaler Belastung, Stress und Erschöpfung zu fördern und die Diskussion darüber zu enttabuisieren.

Der Psychologe Thijs Launspach beschäftigt sich schon länger mit den Folgen von zu hohem Leistungsdruck: „Mit dem gestiegenen Wohlstand in den letzten Jahrzehnten sind auch die Erwartungen an unser Leben und die Anforderungen, die es erfüllen soll, höher geworden.“ Schon in jungen Jahren erfolgreich sein, eine Woche pro Monat auf Ibiza verbringen, Marathon laufen – laut Launspach werden solche Dinge als die Norm dargestellt, obwohl sie doch eher die Ausnahme sind. „Je höher die Erwartungen, desto unzufriedener ist man, wenn man sie nicht erfüllen kann – und das können die meisten Menschen nicht.“

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zurück ins gleichgewicht

Psychische Probleme haben oft mit unserem Arbeitsumfeld zu tun oder äußern sich dort. Das nehmen immer mehr Unternehmen ernst und unterstützen die mentale Gesundheit ihrer Mitarbeitenden, indem sie Onlinesitzungen mit Psycholog:innen organisieren

Der schönste Tag des Jahres 2022 war für mich der, als ich mit einem Freund in seinem kleinen grünen Subaru über holprige Landstraßen durch die ungarische Landschaft tuckerte, ein paar Stunden Fahrt von meinem Wohnort Budapest entfernt. Es war Juni, die Sonne schien, und überall blühte der Holunder – das war auch der Grund für unseren Ausflug. Mit einer Heckenschere bewaffnet stieg ich irgendwo neben einer Wiese aus und machte mich auf die Suche nach den duftenden weißen Büschen. Am Ende des Tages kehrten wir mit zwei großen Ikea Taschen voller Holunderblüten zurück nach Hause; meine Latzhose war vorne ganz gelb vom Blütenstaub, und ich glücklich.

INNERES BLUMENPFLÜCKEN
In dem Buch Tomorrowmind, geschrieben von der Ärztin Gabriella Rosen Kellerman und dem Psychologen Martin Seligman, stieß ich später auf einen Erklärungsansatz für das Glücksgefühl, das ich an diesem Tag verspürte: Von allen Aufgaben, die es gibt, ist mein Kopf scheinbar am besten zum Pflücken wilder Blumen geeignet. Denn die Entwicklung des menschlichen Gehirns verläuft langsam; evolutionär betrachtet haben wir sozusagen erst vor Kurzem begonnen, unseren Lebensunterhalt auf moderne Art und Weise zu verdienen. 200 000 Jahre lang waren wir Jäger:innen und Sammler:innen (was in der Praxis vor allem bedeutete, Wildpflanzen zu pflücken), dann 10 000 Jahre lang Bäuerinnen und Bauern. Erst vor 300 Jahren begann das Industriezeitalter, in dem sich unser Arbeitsalltag allmählich dahin veränderte, wie wir ihn heute als moderne Menschen des 21. Jahrhunderts kennen.

Foto: Shutterstock

Ein normaler Arbeitstag in meinem Leben sieht – wie bei wahrscheinlich vielen anderen auch – ganz anders aus als jener Tag im Juni: Ich verbringe ihn in der Regel allein und sitze die überwiegende Zeit am Computer. Wenn überhaupt, gehe ich nur für einen kurzen Spaziergang durch die städtische Umgebung vor die Tür. Nachdem ich viel gearbeitet habe, kann ich mich nur selten aufraffen, Leute zu treffen, und verbringe abends deshalb noch mehr Zeit alleine. Diese Umstände hätten eine unmittelbare Auswirkung auf mein psychisches Wohlbefinden, argumentiert Martin Seligman. Würde ich hingegen jeden Tag mit einem Freund Holunderblüten ernten, ginge es mir viel besser.

Dass unser tägliches Arbeitsumfeld einen großen Einfluss auf unsere Psyche hat, erkennen zum Glück immer mehr Unternehmen. Gleichzeitig wächst das Verständnis für psychische Beschwerden, und es gibt ein Bewusstsein dafür, dass wir uns auch dann innerlich schlecht fühlen können, wenn wir produktiv arbeiten oder unsere Kolleg:innen mit einem fröhlichen „Hallihallo!“ begrüßen. Oft liegt das an Faktoren im Privatleben, mit denen umzugehen gerade schwerfällt und die dann wiederum ins Arbeitsumfeld hinüberschwappen. So oder so können wir mental beeinträchtigt sein, ohne an einer Krankheit zu leiden, sagt die Psychologin Helen van Empel. „Die Vorstellung, dass man entweder ‚etwas hat‘ oder nicht, ist heutzutage überholt.“

Aus diesem Grund hat van Empel 2020 das Unternehmen Yet gegründet, das psychologische Hilfe in einzelnen Onlinesitzungen anbietet. Zu den Kunden zählen neben Privatpersonen auch immer mehr Arbeitgebende, denen die mentale Gesundheit ihrer Angestellten am Herzen liegt. Sie können über die Plattform eine Therapiestunde mit zertifizierten Psycholog:innen für ihre Mitarbeitenden buchen, wenn deren Probleme über das hinausgehen, was sich im Arbeitskontext lösen lässt. Das Besondere: Schon ein einziges vertrauliches Gespräch mit den Expert:innen soll dabei helfen, die aktuelle Situation zu verbessern.

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