Achtsamkeit für jeden Tag

Konflikte besser lösen

Kaum jemand streitet sich gern. Dabei kann ein Konfliktgespräch mit den richtigen Worten gut und konstruktiv sein. Wie das gelingt, sagt Boris Bornemann

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Wir leben in einer Welt voller konträrer Meinungen. Müssen wir uns diesen Konflikten aussetzen?

Der Kollege, der sexistische Sprüche macht; die Tante, die einer Verschwörungstheorie anhängt – diese Menschen sind nun mal da und wir müssen mit ihnen umgehen. Manchmal bedeutet das, die eigene Meinung vehement zu vertreten. Wenn wir Streit immer ausweichen, heißt das oft, dass wir entweder unsere eigenen Standpunkte und Bedürfnisse ignorieren oder Beziehungen abbrechen müssen. Und das ist für uns und für das gesellschaftliche Klima meist viel zersetzender, als zu streiten.

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Streiten ist also generell sinnvoll?

Wenn uns etwas wichtig ist, sollten wir dafür eintreten. Sollten stillere, friedlichere Wege nicht dazu geführt haben, dass unsere Bedürfnisse respektiert werden, müssen wir deutlicher werden. Das ist für beide Seiten unangenehm, kann aber auch fruchtbar sein. Mehrere Studien zeigen: Zu dem Zeitpunkt, zu dem sich ein Paar streitet und der Ärger offen geäußert wird, sind beide Seiten eher unzufrieden mit der Beziehung. Wenn das Paar den Konflikt jedoch beilegt und zusammenbleibt, ist es drei Jahre später zufriedener, als Paare, die nicht durch einen solchen Konflikt durchgegangen sind. Konflikte konstruktiv zu lösen kann uns also näher zusammenbringen.

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Warum gehen wir Konflikten trotzdem oft lieber aus dem Weg?

Wir erleben Streitgespräche oft als bedrohlich – sogar auf körperlicher Ebene: Menschen, die sich streiten, sprechen oft lauter. Manche bauen sich voreinander auf und machen sich groß. Das sind archaische Angriffsgesten, auf die unser Unterbewusstsein reagiert. Wir empfinden Angst. Streit kann außerdem Beziehungen destabilisieren. Friedliche, unterstützende Beziehungen sind aber sehr wichtig dafür, dass wir uns wohlfühlen. Und manchmal akzeptieren wir lieber einen scheinbaren Frieden, anstatt einen offenen Konflikt zu produzieren. Ein Streit könnte ja auch ergeben, dass ich unrecht habe und mein Verhalten oder Selbstbild ändern muss. Die Energie, die das erfordern würde, sparen wir lieber und schrecken daher vor der Auseinandersetzung zurück.

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Im Streit Ruhe zu bewahren, ist der nächste knifflige Punkt. Wieso fällt das so schwer?

Die Bedrohung, die wir in Streitsituationen empfinden, aktiviert unser sogenanntes Alarmsystem. Wir teilen dieses System mit unseren frühesten Vorfahren. Sogar Eidechsen haben zum Beispiel ähnliche innere Mechanismen. Das Gute: Sie haben im Rahmen der Evolution unser Überleben gesichert. Leider sind sie auch entsprechend primitiv. Sie führen dazu, dass wir aktiviert und unruhig werden. Unser Körper stellt Energie bereit, um zu kämpfen oder zu fliehen. Unser Fokus verengt sich auf die Gefahr. Höhere Hirnsysteme werden teilweise lahmgelegt. Das macht es in Streitsituationen so schwer, die Perspektive des anderen zu übernehmen und klar zu denken.

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Wie kann Achtsamkeit dabei helfen, ruhig zu bleiben, selbst wenn es hitzig wird?

Wenn wir meditieren, bemerken wir schneller, was in uns geschieht. Die Forschungsarbeiten meiner Kolleg:innen und von mir am Leipziger Max-Planck-Institut haben gezeigt, dass Meditierende deutlicher wahrnehmen, was im Körper passiert und was sie fühlen. So können wir besser erkennen, wenn wir in den Alarmmodus schalten: Der Körper spannt sich an, wir werden unruhig, wir nehmen Angst oder Wut wahr. Wenn wir uns klarmachen, was in uns geschieht, sind wir diesem Geschehen weniger ausgeliefert. Wir können dann außerdem ein paar tiefe Atemzüge nehmen, um uns zu beruhigen. Schließlich können wir uns bemühen, konstruktive Impulse in die Interaktion hineinzubringen. Etwa indem wir aufmerksam zuhören oder uns fragen: „Was wäre jetzt hilfreich? Was brauche ich? Was braucht die andere Person?“

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Kann man sich auf ein Streitgespräch vorbereiten? Wenn ja, wie?

Wenn es Menschen gibt, mit denen wir häufiger aneinandergeraten, können wir diese in unsere Meditation mit einbeziehen. Wir nehmen innerlich Kontakt zu der Person auf und richten gute Wünsche an uns beide: „Mögen wir glücklich sein.“ Oder: „Möge es uns gut gehen.“ Wir kultivieren damit eine Haltung, die sowohl unsere eigenen Bedürfnisse und Wünsche als auch die der anderen Person im Blick behält. Sätze wie diese helfen, sich in Streitsituationen an diese wohlwollende, konstruktive Haltung zu erinnern. Das kann das Klima einer Auseinandersetzung deutlich verbessern. Es kann auch dabei helfen, versöhnliche Lösungen zu finden.

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Worauf muss ich achten, wenn ein Streit konstruktiv werden oder bleiben soll?

Wir sollten sparsam mit Sätzen sein, die den anderen angreifen. Sie bringen unsere:n Streitpartner:in ins Alarmsystem. Es ist hilfreicher, davon zu sprechen, was wir wahrnehmen, wie wir uns fühlen und was wir brauchen. Ein Angriff wäre: „Nie denkst du an mich!“ Stattdessen könnten wir sagen: „Du hattest angekündigt anzurufen. Als du es nicht gemacht hast, war ich erst traurig und dann wütend. Ich wünsche mir, dass wir uns aufeinander verlassen können.“ Andersrum sollten wir uns bemühen, die Gefühle und Bedürfnisse der anderen Person zu verstehen. Eine Reihe von Studien der University of California in Berkeley hat ergeben: Wenn Partner in romantischen Beziehungen sich vom anderen verstanden fühlen, hat der Streit keine negative Auswirkung auf die Beziehungszufriedenheit. Wer den anderen verstehen will, zeigt: Ich bin an dir interessiert.

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Muss ein konstruktiver Streit zwangsläufig zu einem Konsens führen?

Wir müssen am Ende eines Streits nicht unbedingt derselben Meinung sein oder dasselbe Vorgehen für richtig halten. Aber wir sollten verstanden haben, was die andere Person meint. Wie sieht sie die Situation? Was fühlt und braucht sie? Was ist ihr Vorschlag, was will sie tun? Wir sollten sichergehen, dass die andere Person uns ebenso versteht. Dann können wir darüber reden, wie wir mit den Differenzen umgehen. Wir machen es uns leichter, wenn wir realistisch sind: Menschen haben unterschiedliche Vorstellungen von der Welt und vom Leben. Es geht nicht darum, dass alle einer Meinung sind – sondern darum, dass wir friedlich und konstruktiv miteinander umgehen und vielleicht sogar die Vielfalt genießen können. Ein Streit zeigt, dass uns eine Sache wichtig ist. Und dass wir für die andere Person wichtig genug sind, dass sie sich mit uns auseinandersetzt. Vielleicht können wir das wertschätzen.

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